Vita … und viel Zeitgeschichte

(Hinweis: Am Seitenende gibt es auch eine tabellarische Zusammenfassung von meinem Lebenslauf.)

I was born with Sgt. Pepper …

Zur Zeit meiner Geburt arbeiteten die BEATLES an ihrer legendären LP »Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band«.

Der kleine Peter Kick

Auch wenn das 1967er Album der Fab Four nicht unbedingt zu meinen Favoriten gehört und gelegentlich gar als misslungenes Meisterwerk diffamiert wird, sehe ich diese Tatsache doch als Omen. Denn nur Weniges hat mein Leben derart geprägt wie die Band aus Liverpool.

Die Welt wartete auf sie, und sie waren bereit dafür.

KLAUS VOORMANN: »Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John«

Als eines der großen und positiven Phänomene des 20. Jahrhunderts haben John, Paul, George and Ringo die Welt nachhaltig verändert.

Aber bitte mit Sahne …

… und Musik aus der Box

Kann es für einen 5-jährigen Knopf etwas Schöneres geben, als von seiner Oma zu Torte und Brause in die nahegelegene Ausflugsgaststätte eingeladen zu werden? So spazierte ich mit meiner Großmutter in das „Haus der Fahrzeugelektriker“ - ein typisch postmodernes DDR-Restaurant im 70er Jahre Chic. Es gab da eine Bühne für die Band, die regelmäßig live mit ihrer Musik zum Tanz aufspielte und Firmenfeiern oder Familienfeste begleitete.

Und weil unsere nachmittäglichen Besuche des Öfteren stattfanden, war der drollige und sehr professionelle Kellner (er war vom alten Schlag: hatte 'ne Fliege um und ein Tuch überm Arm) schon bald im Bilde.

Music was my first love and it will be my last.

JOHN MILES: »Music«

Er brauchte dann nicht mehr zu fragen, brachte flugs mein obligatorisches Stück Schwarzwälder Kirsch, warf eine Münze in die Musik - Box und zwinkerte mir dabei zu, wohlwissend, seinen jungen Gast einmal mehr rundum zufrieden stellen zu können. Und da erklang es wieder - MEIN Lied: »El Condor Pasa«, ein peruanischer Folksong in der Version von SIMON & GARFUNKEL. Das war mein erstes Lieblingslied.

Lange Haare und Flickenjeans …

… und 1000 Songs, Band für Band

Dass ich einmal als One Man Band durch die Lande tingeln würde, konnte ich als Knirps nicht ahnen. Doch schon früh spürte ich, dass es Musik gab, die mich nicht mehr losließ, die etwas Magisches hatte. Die ich immer und immer wieder hören musste …

Es war magisch, als die Beatles auftauchten!

OZZY OSBOURNE

Die 70er Jahre waren eine besondere Zeit. Während die westliche Welt bereits mit den Nachwehen der 68er Bewegung beschäftigt war, entwickelte sich nun auch in der ostdeutschen Provinz eine jugendliche Protestkultur, die den an sich natürlichen Generationenkonflikt bei Weitem sprengte. Der Erwachsenenwelt waren langhaarige Kerle suspekt, Flickenjeans galten als asozial, Kaugummis beschimpfte man als Ami-Dreck, der Minirock war nur für Nutten und Beat - Musik stellte eine Gefahr für das Abendland dar! Aber eben jene Beat - Musik war es, die einer nicht mehr zu allem Ja und Amen sagenden Jugend ein Sprachrohr gab und zugleich eine Plattform bot, sich zu finden und zu entwickeln. Freies, kritisches Denken und ein selbständiges und kreatives Leben anzustreben, war vorher für die Masse nicht denkbar gewesen. In diesem Kontext wurde ich 1974 eingeschult. Im Radio lief »Sugar Baby Love« von den RUBETTES rauf und runter, gerade hatte eine schwedische Band namens ABBA den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewonnen und die bundesdeutsche Fußballmannschaft wurde im eigenen Land Weltmeister. Es war die Zeit der Schlaghosen, Plateauschuhe und Föhnfrisuren. In den Party - Kellern lief die Musik von T. REX, SWEET, SLADE, BAY CITY ROLLERS, SMOKIE und SUZI QUATRO. Alptraum aller Schwiegermütter: SUZI QUATROMein 8 Jahre älterer Bruder Bernd war stolzer Besitzer eines Tonbandgerätes, mit dem er hartnäckig eine umfassende Sammlung populärer Musik zusammenstellte. Da war von ABBA bis ZAPPA und von HEINO bis DEEP PURPLE so ziemlich alles dabei, was jemals über den Äther gesendet wurde. Alles kunterbunt durcheinander. Ich für meinen Teil stellte fest, dass ich keine deutschen Schlager mochte. Dafür aber ALBERT HAMMOND und BACHMAN-TURNER OVERDRIVE. Und alles was Rockgitarren und englischen Gesang beinhaltete. Vor allem einen Song musste der Große immer und immer wieder für mich abspielen: »SOS« von ABBA. Jahre später distanzierte ich mich dann vorübergehend von dem schwedischen Quartett, einfach weil es uncool war als vorpubertärer Jüngling so eine Mädchenmusik zu hören. Es ist im Nachhinein betrachtet bezeichnend, wie viele Protagonisten der Rock-Elite sich heute zu ABBA bekennen, obwohl sie die Vier damals am liebsten geköpft hätten. Die 70er waren eben eine kontroverse Zeit voller Widersprüche …

Der Dieter Thomas Heck …

… hat stets 'ne Tüte im Gepäck

… meint jedenfalls Blödelbarde und Alleinunterhalter Stefan Raab in seinem Kiffer - Song.

In den späten 70ern versammelte sich meine Familie einmal im Monat vor dem Fernsehgerät, um die berühmt-berüchtigte ZDF-Hitparade zu verfolgen. Und ich hoffte jedes Mal im Vorfeld, es möge doch diesmal ein Beitrag dabei sein, der mir gefallen könnte. Leider wurde ich meistens enttäuscht. Die Crème de la Crème der Deutschen Schlager Szene gab sich ein Stelldichein.Es ging immer noch schlimmer: VADER ABRAHAM & DIE SCHLÜMPFE Für mich waren die meisten dieser Stereotypen genauso ansprechend wie Heinzchen, der Alleinunterhalter aus dem Nachbarort, der im nahegelegenen Kurhaus für gewöhnlich mit seiner Quetschkommode zum Tanz für die Senioren aufspielte. Als dann in den frühen 80er Jahren auch Vertreter der gerade aufebbenden Neuen Deutschen Welle ihre Beiträge in der Sendung aufführen durften, hagelte es massenhaft Einspruch vom Stammpublikum. Das altehrwürdige ZDF erhielt Wäschekörbe voller Protestbriefe. Heerscharen reaktionärer Altherrenvereine und moralisch wie sexuell frustrierter Spießer liefen Sturm gegen das „dekadente Gejaule“. Bis sich der Schnellsprecher und bekennende Konservative D. T. Heck genötigt sah, eine entsprechende Erklärung vor laufender Kamera abzugeben: die Titel erfüllten eben nun einmal die selbst gesteckten Kriterien - gesungen werde in DEUTSCH und produziert werde die Musik in DEUTSCHland. Dabei wusste er doch ganz genau, dass man zusammengebracht hatte, was nicht zusammen gehörte. Die Neue Deutsche Welle war, zumindest am Anfang, ein Phänomen, welches das Ausland bis dato den Deutschen nicht zugetraut hatte: witzig, spontan, verspielt, originell, quietschbunt, popig, peppig, sexy, experimentierfreudig, kreativ, vor Lebensfreude nur so sprudelnd. All das war der Deutsche Schlager nie gewesen. Er war, ist und bleibt eine Erscheinung rechts bis weit rechts von der Mitte.

Ebenfalls in den frühen 80er Jahren gab es dagegen einen Fernseh-Auftritt, den ich nie vergessen werde: JOE COCKER & JENNIFER WARNES mit dem Song »Up Where We Belong«. Unvergesslich: JOE COCKER & JENNIVER WARNESDas war’s! Das war was ganz anderes als die gebügelten Alleinunterhalter aus der Grufti-Show! Dass der Mann ein ganzes Stück kleiner war als sie, dass er aussah wie ein Eimer, dass er Fratzen zog und umher hampelte wie ein Spastiker, all das machte nichts - im Gegenteil! Selbst der unmusikalischste Griesgram musste erkennen, dass dieser Sänger in der Lage war, das ganze Leben in all seinen Facetten in gut vier Minuten darzustellen.

Imagine …

… living life in peace

Idole sind wichtig. Besonders für einen 13-Jährigen. Es mag ein bestimmter Sport-Star sein oder ein Schauspieler. Oder, wie in meinem Fall, ein Sänger und Gitarrist …

Es war am 09. Dezember 1980. In der letzten Schulstunde hatten wir Chemie, als mir mein Schulfreund Michael (er ist heute DJ und legt bei Privatfeiern und öffentlichen Veranstaltungen auf; und er hat mir sehr geholfen, mein heutiges Pausenmusikprogramm bunt und abwechslungsreich zu gestalten) über die Bunsenbrennergarnitur mitteilte, dass „der eine Sänger und Gitarrist der Beatles“ erschossen worden sei! Sänger und Gitarrist: JOHN LENNONAuf dem Heimweg überlegte ich, dass man da ja vielleicht Näheres in der Mittagsausgabe der Tagesschau erfahren könne und schaltete zu Hause das Fernsehgerät ein. Es war gleich die erste Meldung. Noch nicht einmal den Sprecher zeigten sie eingangs, sondern sendeten gleich aus New York! Das hat mich tief bewegt. Ich verfolgte dann die Programmänderungen und sammelte in einer Zigarrenkiste Zeitungsausschnitte. Selbst die zensierte Presse berichtete, wenn auch spärlich, doch wohlwollend. Noch gut 15 Jahre zuvor hatte Ulbricht auf übelste Art Beat - Musik als Dreck bezeichnet und den aufkommenden Rockgruppen jeden nur erdenklichen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Nur hat eben dieser „Dreck“ zuerst den Westen grundlegend verändert und endgültig demokratisiert und darauffolgend langsam aber stetig einen Reformkommunismus in Osteuropa erzeugt, der schließlich zum friedlichen Ende der linken Diktatur führte.

Die Beatles haben die Festung sturmreif geschossen - und wir haben sie eingenommen!

EIN 68ER

Um die Dialektik zu vollenden: wäre ein Phänomen wie die Fab Four bereits 30 Jahre früher, also nicht 1960 sondern schon 1930 im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli erschienen, von wo aus sie ihren atemberaubenden und weltverändernden Siegeszug antraten - die deutschnationalen „Herren“ um Hindenburg und Konsorten hätten es nicht gewagt, den österreichischen Gefreiten zum Kanzler zum machen. Was wäre dieser Welt erspart geblieben …

Wein, Weib und Gesang …

… und Sorgen, Stress und Rock 'n' Roll

Dass das Leben nicht nur eine Party ist, erkennt man spätestens, wenn die Höhen und Tiefen der Pubertät durchwandert werden müssen. In diesen wilden Jahren rannte ich von einer Party zur nächsten. Und Musik spielte die zentrale Rolle. Als Pickel-Bubi rockte ich mit meinen Freunden zu den Songs von AC/DC, den ROLLING STONES und QUEEN. Auch THE WHO gefielen mir sehr gut. Ich war wohl der beste Federballschläger - Gitarrist weit und breit. Abends vor dem Einschlafen flippte ich prinzipiell zu »Like A Hurricane« von NEIL YOUNG aus und mein Federbett war ein ausgezeichnetes Trampolin. Vielleicht war es auch eine erste Probebühne für meine One Man Show. Like A Hurricane: NEIL YOUNGDer Meister selber hat diesen Jahrhundert - Song auf verschiedenen Instrumenten gespielt und ich bringe ihn heute noch gerne bei Party - Veranstaltungen in Originallänge mit Gitarre und Mundharmonika …

Da ist man nicht mehr Kind aber auch noch nicht erwachsen, die Schule wird immer stressiger und ein schier aussichtsloser Kampf gegen Pickel und fettiges Haar hat begonnen. Die erste Rasur kommt einem medizinischen Selbstversuch gleich. Zu allem Überfluss wird man auch noch von Amors Pfeil getroffen. Und alles scheint einen zu erdrücken. Und dann hört man auf einer Party »Cello« von UDO LINDENBERG. Und ich dachte: „Was ist das jetzt?“ Bei der Feier wurde mir klar, dass Musik viel mehr ist als nur ein Zeitvertreib …

Ungemein wichtig und schön waren die Donnerstag Abende. Von 18 bis 20 Uhr lief im Radio die hr3 Hitparade. Das war immer Pflicht. In erster Linie waren da natürlich die Songs der Zeit zu hören: neben der Neuen Deutschen Welle gefielen mir Sachen von MIKE OLDFIELD oder Synthie Pop Projekte wie VISAGE, EURYTHMICS, SOFT CELL, ALPHAVILLE und natürlich auch DEPECHE MODE. Genial waren die Oldies, die 5, 10, 15 bzw. 20 Jahre nach ihrem Erscheinen vorgestellt wurden und die Sendung perfekt abrundeten. Titel wie »Nights In White Satin« von THE MOODY BLUES hörte ich hier zum ersten Mal und ich spürte bereits als Laie, dass diese Oldies zwar soundtechnisch nicht an die neue Musik herankamen, aber gerade deshalb eine unglaubliche Kreativität und Lebendigkeit ausstrahlten.

Heute ist nur noch Sound!

BOB DYLAN unlängst

Mangel macht kreativ und damals waren die Musiker und Musik - Produzenten einfach kreativer gewesen. Das ist ein Fakt, den sich jeder Verantwortliche der heutigen Mainstream - Musikindustrie einmal vor Augen halten und hinter die Ohren schreiben sollte! Als im Sommer 1983, genau 15 Jahre nach Erscheinen der Single, »Hey Jude« von den BEATLES vorgestellt wurde, ließ der Hessische Rundfunk sich nicht lumpen und spielte den Titel in seiner ganzen Pracht und Länge vom ersten bis zum letzten Ton aus. Und ich hatte an diesem heißen Sommerabend für 7 lange Minuten eine einzige Gänsehaut. Heute bringe ich das Lied immer als Höhepunkt bei Kneipenfesten, aber nur wenn ich davon ausgehen kann, dass das Publikum mitsingt …

Sommer, Sonne, Sound …

… und Musik wie von einem anderen Stern

Ebenfalls im August 1983 lernte ich eine Musik kennen, in die ich mich sofort verliebte.

Der 20. August 1983 war ein sonnig heißer Samstag. Ich fläzte im Wohnzimmer meines Elternhauses, wo mich das Geschrei spielender Kinder aus dem gegenüberliegenden Schwimmbad müde und zufrieden dahindösen ließ. Plötzlich wurde das Ferien-Feeling abrupt gestört als mein jüngerer Bruder Andreas die Treppen raufstürzte und aufgeregt verkündete, im Fernsehen werde eine dermaßen überirdische Musik gespielt … Musik als Waffe: U2 1983Also schnell die Glotze an und da lief tatsächlich auf allen dritten Programmen (wir hatten immerhin bereits drei davon) live vom Loreley-Festival eine irische Newcomer - Band mit einem bis dahin nie gehörten Sound. „Das wird DIE Band der 80er!“ meinte Andreas.

Rock 'n' Roll hat die Welt verändert.

BONO VOX

Und er sollte Recht behalten. U2 ist für mich die letzte wirklich prägende Combo der Rockgeschichte. Da erstaunte zunächst der völlig neuartige Gitarrensound. Die Riffs in so extreme Echos reinzuspielen, hatte sich bis dahin noch niemand getraut - ein Klang wie von einem anderen Stern. Und dann der Sänger - es war alles eins: die Stimme, das Aussehen, das Charisma, die Message. Man kauft BONO auch heute noch ab, dass er es ernst meint mit seiner Friedensbotschaft.

Leider konnte ich das Konzert nicht zu Ende verfolgen, weil ich in besagtem Schwimmbad verabredet war. Also ging ich mit großem Bedauern und der Vorgabe, mir die Musik dieser phantastischen Band auf Audiokassette zu besorgen. Auf dem 2-minütigen Weg bekam ich den Sound nicht mehr aus dem Kopf. Und je näher ich dem Schwimmbad kam, desto lauter wurde die Musik. War ich Opfer der Hitze geworden oder war es ein Déjà-vu? Jedenfalls wurden die Klänge immer lauter. Bis ich mitbekam, dass auf der großen Liegewiese gefühlte 1000 Kofferradios den Musik - Sender hr3 volle Pulle auf Sendung hatten, wo das Konzert ja auch live übertragen wurde. Es war ein Gemeinschaftserlebnis, vergleichbar mit den heutigen Public Viewing - Events. An dem Tag beschloss ich, dass mein Weg nur sein konnte, Sänger und Gitarrist zu werden.

Sänger und Gitarrist …

… und die eingeklemmte Mundharmonika

Erste Gitarrengriffe am Strand von PrerowAuch wenn mein Bruder Andreas 3 Jahre jünger ist (er spielt heute Bassgitarre in der Bluesrock - Band FREYGANG), hat er mir doch die ersten Gitarrengriffe beigebracht. Nach meinem Sommer-Sonne-Schwimmbad-U2-Déjà-vu ging ich die Sache nun ernsthaft an. Ganz in der Nähe gab es einen guten Musiker namens Helmut, der als Sänger und Gitarrist bekannt war. Der erteilte auch Gitarren - Unterricht. Also nichts wie hin und zum frühest möglichen Termin angemeldet. Das war ein ganz feiner Kerl. Ich lernte eifrig die Sachen, die er mir zeigte: Gitarren - Picking, Folk- und Blues - Standards, Party - Lieder und Lagerfeuer - Musik, zeitlose Klassiker von NEIL YOUNG, BOB DYLAN, DONOVAN, CAT STEVENS usw. Auch deutsche Liedermacher wie REINHARD MEY oder HANNES WADER gefielen mir auf einmal. Irgendwann entließ mich Helmut mit der Vorgabe, ich solle mich nach einer Band umsehen, in die ich einsteigen könne …

Doch zunächst wollte ich erst einmal ausprobieren, wie denn das mit dem gleichzeitigen Gitarre und Mundharmonika spielen funktioniert. Beides für sich klappte schon ganz ordentlich, aber zusammen? Nun hatte ich zunächst keinen Halter für das kleine Blasinstrument und behalf mich mit einem Trick. Ich teilte mir mit meinem jüngeren Bruder ein Zimmer. Und da der Lütte damals tatsächlich noch einen Kopf kleiner war als ich, hing auch sein Bücherregal entsprechend tiefer - genau in meiner Kopfhöhe. Also klemmte ich meine C-Dur Mundharmonika zwischen Andreas' Schulbücher und Jules Vernes „Fünf Wochen im Ballon“, band mir die Gitarre um und blies voller Erwartung in die „Bandmaster“. Ob das wohl gehen würde? Ich improvisierte zunächst einfache Akkordfolgen und versuchte, entsprechende Melodien zu finden. Und es war definitiv mein Ding - der Spaß war von Anfang an da. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich mich so bis zur Erschöpfung verausgabt hatte. Unterbrochen wurde ich nur ab und an, wenn der Vater Beschwerde einlegte. Schließlich befand sich sein Hobby-Keller direkt unter unserem Zimmer und mein unermüdliches Spiel auf der Gitarre und Mundharmonika und das dazugehörende rhythmische Stampfen mit den Füßen hatte wohl die Lampe zum Wackeln gebracht.

Eines Tages besuchte mich ein Typ, den alle nur „Finni“ nannten. Das war ein Urviech und ein Hippie wie im Buche. Er hatte Ahnung von Musik wie kein Zweiter, kannte all die Kult - Bands und Songs aus der Flower-Power - Zeit. Dem musste ich meine Bücherregal-Nummer unbedingt präsentieren. Also ein laaaaanges Lied, wo ich mich so richtig ausleben konnte: zwar bereitete mir der Text noch arge Schwierigkeiten, doch ich brachte »Like A Rolling Stone« von BOB DYLAN - halt mit improvisiertem „englischem“ Gesang. Es kam mir ja vor allem auf das gleichzeitige Spiel von Gitarre und Mundharmonika an. Finni, der schon 3/8 im Turm hatte, saß hinter mir, während ich loslegte. Er gab immer mal ein „Ho ho ho“ von sich, wobei er beim dritten „ho“ die Stimme hob. Also schien mein Auftritt doch einen gewissen Unterhaltungswert zu bieten. Schließlich meinte Finni, das sei ja schon ganz schön und gut, aber so' Sänger und Gitarristen wie NEIL YOUNG, BOB DYLAN oder DONAVAN würden in ein Mikrofon reinbFrieden ... Liebe ... Musik - Make Love, Not War!lasen und nicht in ein Bücherregal! Er, Finni, sei Werkzeugmacher und er werde mir ein entsprechendes Gestell fabrizieren (denn der Gang zum Musikgeschäft wäre ja eh nur mit dem enttäuschenden Standardsatz „Haben wir nicht …“ quittiert worden). Nun hatte Finni die seltene Gabe, ein einmal im Suff abgegebenes Versprechen auch in die Tat umzusetzen. Also stand er wenige Tage später in alter Frische, mit leichter Schlagseite und meinem Mundharmonika - Gestell vor der Tür. Es passte vorzüglich. Ich spielte einen Song, Finni machte wieder „Ho ho ho“, und da ich den Kerl nun frontseitig vor mir hatte, konnte ich sehen, dass ihm dabei immer seine langen Loden ins Gesicht fielen. Ich revanchierte mich, indem ich den Guten kurzerhand in die „Bierstube“ des nahe gelegenen Kurhauses einlud, die Gitarre, eine Handvoll Mundis und das tolle Mundharmonika - Gestell im Gepäck. Zu uns gesellten sich dann immer mehr Freaks. Und wenn auch damals an Handys, Facebook, E- Mails... und nur mit Gitarre und Mundharmonika: Proud To Be Loud! und dergleichen noch nicht zu denken war, gab es doch einen gut funktionierenden Buschfunk. Im Laufe des Abends entwickelte sich dann im Park, der gleich an die Kneipe grenzte, eine „Kunden-Fete“, die als „Klein-Woodstock“ in die Analen eingehen sollte. Im Morgengrauen kam schließlich der Dorfsheriff auf seinem Dienstmoped Marke „Schwalbe“ angetuckert, was als unfreiwillig komische Show - Einlage für Erheiterung sorgte. Auflösen konnte er die Party freilich nicht. Und „Klein-Woodstock“ sollte noch die ein oder andere Neuauflage erfahren. Was mich betraf - bei aller Bierseeligkeit erkannte ich in jener Nacht, dass ich als Musiker mit Gitarre und Mundharmonika eine Feier bespielen konnte. Zwar noch in den Kinderschuhen, unplugged und improvisiert (und jede Menge Saiten zerreißend) - doch der Anfang war getan …

Das erste Mal …

… und gleich vor 1000 Leuten

Als Profimusiker meine Brötchen zu verdienen, konnte ich mir damals noch nicht vorstellen. In meiner Freizeit übte ich fleißig das Spiel auf Gitarre und Mundharmonika. Oder ich besuchte Konzerte von entsprechenden Musik - Kapellen. Neben den durch Funk und Fernsehen bekannten Bands, die sich sowieso aus Profimusikern rekrutierten, gefielen mir auch lokale Gruppen wie z. B. die NAUTIKS. Guter Sound steht und fällt mit der Technik, und es war schon erstaunlich, wie diese Typen in der Mangelwirtschaft eine so gute Tonqualität auf die Bühne bekamen. Es waren eben zweifelsfrei Profimusiker aus Berufung.

Die Gitarre in den Händen - und Schiss in der HoseMein Weg führte mich zunächst in die Uhrenwerke Ruhla, wo ich einen technischen Beruf + Abitur erlernte. Nebenbei wurde es gern gesehen, wenn der Lehrling auch künstlerisch aktiv war. So dauerte es nicht lange und man fragte mich von offizieller Seite, ob ich denn nicht bei einer Betriebsfeier „etwas spielen“ könne. Mein Einwand, dass ich aber nur „englisch“ singen würde, wurde nach einigem hin und her zähneknirschend akzeptiert und so trabte ich mit meiner Gitarre zum Seebacher Klubhaus. Gerechnet hatte ich mit zwei oder drei Stuhlreihen steifer Betriebsbonzen. Doch als ich „backstage“ durch den Vorhang lugte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen: die ganze Hütte gerammelt voll! Und das bei einem Saal, der zu den größten in ganz Thüringen zählte! Ich wollt' im Stehen sterben! Lieber 10 Mal Zahnarzt als das! Zum Glück war ich nicht ganz allein, sondern trat zusammen mit einem Lehrlingskameraden namens Stefan auf. Wir brachten als Erstes den wunderschönen SIMON & GARFUNKEL - Song »Scarborough Fair«. Und wie in dem Filmklassiker „The Graduate“ (mit dem ach so deutschen Titel „Die Reifeprüfung“) spielten wir das Lied mit Gitarre und Flöte. Auch wenn ich ob meiner zitternden Knie kaum stehen konnte, klang es wohl ganz gut. Zumindest konnten wir das aus dem „stürmischen Beifall“ schließen …

Auch besagter Film aus dem Jahr 1967, der von der herrlichen Musik von SIMON & GARFUNKEL lebt, war für mich ein wichtiger Meilenstein zum Profimusiker. Es ist jedem in der „Neuzeit“ Geborenen nur zu wünschen, dass er oder sie einmal in einer Mußestunde und in aller Ruhe dieses Meisterwerk genießt. Und danach 10 Minuten VIVA oder eine Dieter Bohlen - Show über sich ergehen lässt. Was für Welten liegen dazwischen!

Musik …

… als Beruf und Berufung

Talentierte Musiker, die ihr Instrument aus dem Effeff beherrschen, gibt es viele. Doch die meisten beschränken sich darauf, ihre Musik semi-professionell oder gar nur als Hobby zu betreiben. Und das ist in jedem Fall in Ordnung. Den Schritt in die Selbstständigkeit bestehen dagegen nur diejenigen dauerhaft erfolgreich, die ihre Musik als Beruf UND Berufung begreifen. Landauf und landab, heute vor 20 Gästen bei der Gartenparty, morgen vor 2000 Besuchern eines Stadtfestes und übermorgen wer weiß wo und vor wie vielen Leuten, immer und immer wieder zu funktionieren, ist nicht selten auch ein Knochenjob. Ein lieber Kollege brachte es mal auf den Punkt: „Es ist das Einfache, was so schwer ist.“

Feelin' Groovy - Selbst die Bass-Gitarre war Marke EigenbauNach meiner Premiere im übervollen Saal sprach mich Ralf an. Er war drei Jahre älter und spielte in einer Blues & Rock - Band namens MONOTEX die Rhythmus - Gitarre. Ralf und auch der Lead - Gitarrist Matthias sollten langjährige Freunde und Weggefährten werden. In ihrer Kapelle war auf Grund seines Wehrdienstes die Stelle des Bass - Gitarristen frei geworden. Ein Glücksfall für mich, denn das Spiel auf dem Bass ist eine vorzügliche Schule für die sogenannte U - Musik. Auch wenn ich hier vielleicht ein Rezept verrate: mein heutiges Livemusik - Projekt funktioniert unter anderem deshalb so gut, weil ich die (unerlässliche) Basslinie in mühsamer akribischer Kleinarbeit selber erstelle. Wie und was genau, sei dahingestellt. Nur soviel: die im Handel erhältlichen Midi-Files sind wie die heute üblichen Mainstream - Poplieder im Allgemeinen: zu dominant, zu komprimiert, zu aufdringlich, zu unnatürlich, zu nervtötend … Mittlerweile hat die Musik - Industrie das selber erkannt und ein Siegel „Against Loudness War“ (gegen den „Lautheitskrieg“) für CD-Produktionen ist im Gespräch. Aber die Verantwortlichen drehen sich ja im Kreis. So könnte man auch mit dem Schwein über das Schnitzel braten diskutieren.

Damals unerlässlich für den Musiker: Die „Pappe“Ein knappes Jahr nach meinem Einstieg bei MONOTEX bestanden wir die damals geforderte Einstufung zum Amateur - Tanzmusiker. Immerhin die Mittelstufe - und das mit selbstgebautem Equipment! Sogar das Mischpult, was ja das Herzstück jeder modernen Musik - Produktion darstellt, war Marke Eigenbau!! Heute unvorstellbar. Der Lötkolben war ständiger Begleiter unserer Veranstaltungen. Trotzdem hatten wir viel Spaß mit unserer Musik. Und wenn mal keine Probe oder Mugge angesagt war, feierten wir gut und gerne privat. Bei allen Schwierigkeiten war es auch eine schöne Zeit. Bis dann Ralf seinen Armeedienst antreten musste und sich unsere Wege zunächst trennten.

Damals unerlässlich für den Musiker: Die „Pappe“

Country, Country, Country …

… but what is it really - Country?

„Soso, Country - Musik spielen Sie“, meinte mal ein gleichermaßen fähiger wie witziger Handchirurg, während er mein zweitwichtigstes Körperteil beäugte. Dann schaute er mir ins Gesicht (hielt dabei aber weiterhin meine Hand in der seinigen) und meinte schließlich eiskalt und köpfschüttelnd: „Das Zeug kann ich überhaupt nicht leiden!“

Nun, wenn ich nicht gerade angst und bange und mit einer lokalen Betäubung in seinem OP-Stuhl gekauert hätte, vielleicht hätte ich den Guten auf ein Bier eingeladen und ihm abendfüllend erklärt, dass ich selber einstmals Country - Musik skeptisch betrachtete. Und dass es wohl kaum ein vielfältigeres Genre gibt. Ob Country & Western allgemein oder Bluegrass, Honky Tonk, Nashville Sound, Western Swing, Americana oder auch Alternativ Country bzw. Roots Rock, Western Musik, Neo-Traditionalismus, Outlaw, Country Rock, New Country, Rockabilly, Tex-Mex, Cajun Musik, Country Gospel oder Country Pop - die Spielarten sind so vielfältig wie die Vermischungen. Von peinlichstem Schlager - Gedudel bis hammerhartem Power - Rock, von einfachem Klampfen - Geschrammel bis hin zu hochvirtuosen Instrumental - Genies gibt es alles.Urgestein der Country - Musik: HANK WILLIAMS Egal wie man nun zu Country - Musik stehen mag - es ist eine Tatsache, dass sich Rock 'n' Roll aus zwei Linien entwickelt hat: aus dem Blues der schwarzen Sklaven und der weißen Country - Musik. Und während auf dem Alten Kontinent die Kultur - Nationen noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts in apokalyptischem Ausmaß aufeinander einschlugen, hatte man in der Neuen Welt schon lange ein friedfertiges Miteinander erreicht, welches sich vor allem auch in der musikalischen Verschmelzung europäischer Traditionen manifestierte.

Jingle Jangle …

… and Sweetheart Of The Rodeo

Es gibt Dinge, die sind so konträr wie Feuer und Wasser, wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiß. Dann gibt es Kompromisse, faule wie fruchtbare. Und es gibt Visionäre, die man als Opportunisten und Eiermänner beschimpfte - bis sich ihr Genie offenbarte …

In 1968, there was rock music. And there was country music. In between was no man's land.

DAVID FRICKE

Heutzutage mag Unterhaltungsmusik zu einer perfekt funktionierenden Industrie verkommen sein. Talentierte Musiker mit Genie-Potential werden in inflationärem Ausmaß verheizt. Was in den sogenannten und durch und durch gefakten "Charts" heute oben ist, ist morgen vergeben und vergessen. Kein Hahn wird mehr danach krähen. Und genau wie in anderen Branchen ist Lug und Trug und Manipulation an der Tagesordnung. Doch jedem Anfang liegt ein Zauber inne. Und so ist es nur faszinierend, wie einfache Unterhaltungsmusik in den 1960er Jahren grundlegende Reformen und Veränderungen in Staat und Gesellschaft erst ermöglichte (und hier ist zunächst ausdrücklich der Westen gemeint!).

Jedem Anfang liegt ein Zauber inne.

HERMANN HESSE

Als im Juni 1964 die ROLLING STONES zu ihrer ersten US-Tournee antraten und damit nach den BEATLES „eine weitere Welle schäferhundsgesichtiger Briten über das Land schwappte“ (Originalkommentar im amerikanischen TV), ließ eine entsprechende Reaktion nicht lange auf sich warten. Als Amerikas Antwort auf „The British Invasion“ stürmten die BYRDS ein Jahr darauf mit dem BOB DYLAN - Song »Mr. Tambourine Man« auf Platz 1 der US- und UK-Charts (Platz 2 in DE). Diese Band verkörpert in meinen Augen in genialer Weise, dass die Faszination simpler Unterhaltungsmusik nicht im virtuosen Können oder technischer Perfektion liegt, sondern vielmehr in der Fähigkeit, den Hörer in phantastische Sphären entführen zu können. Aus Los Angeles stammend boten sie zur Traumfabrik Hollywood das musikalische Pendant. Zunächst brachten sie durch Einsatz der 12-saitigen Rickenbacker - Gitarre und perfekten Satzgesang das Mystische, Sphärische, Traumhafte der BEATLES essenziell auf den Punkt und kreierten mit Songs wie »It Won’t Be Wrong«, »Eight Miles High« oder »Renaissance Fair« die coolste Musik aller Zeiten. Die coolste Band aller Zeiten: The BYRDS mit Frontmann „Mr. 12-Saiter“ ROGER McGUINNDass sie dabei ihren Folk - Wurzeln treu blieben, war kein Widerspruch, sondern geniale Vollendung. Konsequenterweise veröffentlichten die Kalifornier im Spätsommer 1968 mit »Sweatheart Of The Rodeo« das erste Country Rock - Album der Geschichte. Und genau wie ihr Idol BOB DYLAN, der die Folk - Musik elektrifiziert hatte und dessen Titel sie spielten, sollten sie zunächst bei der eigenen Fangemeinde einen schweren Stand haben, was noch freundlich ausgedrückt ist. Heute steht diese stilbildende Band mit ihrer Pioniertat in den Geschichtsbüchern, denn sie haben die Country - Musik aus der Ecke des reaktionären Konservatismus geholt und ihre grundlegende Bedeutung für die Unterhaltungsmusik insgesamt klar erkennbar beschrieben.

Heart Of Country …

… und 'ne Buddel voll Rum

Bei einer der berühmt-berüchtigten „Klein-Woodstock“ - Partys freundete ich mich mit Rüdiger an. Ich war gerade 20, er gute fünf Jahre älter. Der Glückliche hatte just den Wehrdienst beendet und wollte jetzt als Musiker richtig durchstarten. Bei seiner bisherigen Band COUNTRY & WESTERN TRAC ging es nicht so recht vorwärts. Also fragte mich Rüdiger, ob ich nicht Lust habe, mit ihm Country & Western zu spielen. Country & Western? Meine Vorstellungen davon beschränkten sich bis dato auf JOHNNY CASH, TRUCK STOP und einige westdeutsche Sänger, die mir eher peinlich denn nachahmenswert erschienen. Dann tat mein neuer Freund seine Ideen kund und nannte Namen, die ich bis dahin nicht mit Country in Verbindung gebracht hätte: CROSBY/STILLS/NASH, NEIL YOUNG, EAGLES, AMERICA, BYRDS, LITTLE FEAT, BOB DYLAN, CAT STEVENS und CCR, um nur einige zu nennen, waren Wohlklang in meinen Ohren. Wenn das also Country war, dann aber ja und sofort! Wir nannten unser Projekt HEART OF COUNTRY. Verstärkung kam noch durch Silke und Gerald. Besonderen Wert legten wir auf die Ausarbeitung und Pflege eines perfekten Satzgesanges. Das machte viel Mühe, wurde aber vom Publikum umso dankbarer angenommen. Auch dies war eine schöne Zeit, wenngleich mein immer näher rückender Wehrdienst bei der NVA den Horizont verdunkelte …

Erwähnt sei noch, dass Rüdiger nicht nur ein hervorragender Sänger war, sondern auch tüchtig feiern konnte. Als wir uns an dem Abend (oder besser in der Nacht) unserer Band - Gründung endlich und voller Tatendrang verabschiedet hatten, konnte ich ihn noch lange singen hören, obwohl mein Heimweg genau entgegengesetzt dem seinigen verlief. „17 Mann auf des toten Mannes Kiste“, intonierte er lautstark (und jeder Opernsänger wäre in die Knie gegangen), es folgten etwa fünf Sekunden Pause, dann: „Johoho“, und nach weiteren fünf Sekunden schließlich: „Und 'ne Buddel voll Rum“. Als ich gegen Morgen mein Fenster öffnete, war Rüdiger immer noch mit dem Seemannslied zu hören …

Vor der Kaserne …

… bei dem grossen Tor

Mit dem Song »Ich bin beim Bund (… ich bin ja so ein armer Hund …)« tröstete UDO LINDENBERG die armen Wessis, die zu faul oder zu dämlich waren, ihren Ersatzwehrdienst anzutreten. Sicherlich war das Dienen bei der NVA um ein Vielfaches härter, schikanöser und sinnloser gewesen. Aber auch unser Gejammer ist in Relation zu früheren Generationen von Soldaten zu sehen, denn zu unserer Zeit hatte es zum Glück nicht gekracht. Auch im Herbst 1989 nicht, als ich unweit von Leipzig bereits ein knappes Jahr bei dem Haufen die Tage zählte und die Entlassung nicht mehr in allzu weiter Ferne lag.

Herbst 89 - gottlob mit der Gitarre statt der Knarre: hier beim Ausgang im sächsischen GrimmaDer Typ am rechten Bildrand (kurzärmlig und mit Hosenträgern) war der gemütliche Wirt, bei dem wir ab und an im Ausgang Party feierten. Da einer seiner Söhne auch gerade diente, hatte der Mann besonderes Verständnis für uns, welches er in der einen oder anderen Gratis-Runde Pfefferminzlikör + Bier ausdrückte. Einmal wohl zuviel, denn als wir später aus dem Schwarztaxi kullerten und vorm Kasernentor „standen“, entschieden wir kurzerhand, die Party noch zu verlängern. Ein passendes Ambiente war schnell gefunden: der Moskwitsch eines Hauptmanns parkte gleich in unserer (eingeschränkten) Blickweite. Und da ging die Party erst richtig ab. Wir hockten dann zu sechst auf dem Dach der rostigen Schese, singend und - ja, auch Füße stampfend! Es war doch schließlich Tanzmusik, welche ich mit Gitarre und Mundharmonika bot. Zugegeben, das war gemein / und am nächsten Morgen kam der Hauptmann in die Kaserne rein / und blickte gar traurig drein … Kurz, es gab einen Riesenärger. Und wenn die Puffer (Soldatenjargon: Puffer = Offizier bzw. Berufssoldat) nicht gerade ganz andere Sorgen gehabt hätten, nämlich, dass ihr eigentliches Problem (sprich die Bevölkerung) sich zunehmend verdünnisierte, wäre wohl Knast angesagt gewesen. So sind wir ungeschoren davon gekommen. Aber die Party war trotzdem eine Mordsgaudi gewesen …

Weniger lustig ist die Vorstellung, wie das auch hätte ausgehen können im Wendeherbst 1989. An einen Schicksalstag will ich mich erinnern, weil hier klar wird, welch immense Bedeutung englischsprachige Musik für die Geschichtsschreibung der Nachkriegsära darstellt. Ich diente bei der Luftverteidigung und mein Job war es, mit den Kameraden russische Abwehrraketen aufzuschrauben, um die Innereien zu checken. Bei den Puffern hatten wir angefragt, Musik aus dem Radio hören zu dürfen, was problemlos genehmigt wurde. Irgendwo waren das ja auch Menschen, die ebenso unter der monotonen Arbeit litten. Und mit Musik geht bekannterweise jede handwerkliche Tätigkeit viel flotter und kurzweiliger von der Hand. Es kam nur der eine und einzige rund um die Uhr sendende Jugendkanal der DDR in Frage: „DT64“. Wenn man von der diktierten 60/40 Regel absieht (es mussten 60 % der Musik - Titel deutschsprachig sein), könnten sich die heutigen Mainstream - Radiosender in punkto Geschmack eine große Scheibe abschneiden. Im Oktober 1989 wurde meine Einheit ins brandenburgische Bernau kommandiert. Leider konnten wir hier bei der Arbeit keine Musik hören, weil auf Grund der territorialen Nähe zu West-Berlin die Maloche in einem Bunker stattfand, wodurch der Feind die Sendesignale der Raketen nicht registrieren konnte. Des Öfteren mussten Zwangspausen eingelegt werden, nämlich wenn NATO-Flieger in der Luft waren. Als wir eines Nachmittags eine Rakete aus dem Bunker fuhren, verkündete ein Feldwebel, dass Erich zurückgetreten sei. Alle spürten intuitiv, dass dies nur der Anfang weitreichender Veränderungen sein konnte. Wieder im Bunker war die Kälte, Isolation und Sinnlosigkeit, die mit diesem Armeedienst einherging, spürbarer denn je zuvor. Die Bevölkerung, die es zu beschützen galt, rannte in Kolonnen davon, der Staatschef war gestürzt und du schraubtest mit deinen 22 Lenzen jenseits des Tageslichts an russischen Raketen rum, von denen laut eines Puffers eh die Hälfte nicht mehr fliegen, geschweige denn ein Ziel treffen würde. Als wir am Abend in unsere Unterkunft einrückten, lief als erster Musik - Titel im Radio »It Never Rains In Southern California« von ALBERT HAMMOND. Das war eine körperliche Wohltat. Denn dadurch fühlte ich mich nicht mehr wie am A… der Welt. Die Angst vor einem Bürgerkrieg wich der Zuversicht, dass die Vernunft siegen würde. Musik überwand Grenzen - die Songs von ALBERT HAMMOND sind zeitlos schönAnderenfalls ließe man wohl nur schwerlich im staatlich kontrollierten Radio einen Engländer das schöne Wetter in Süd-Kalifornien besingen. Bei der Vorstellung, wir hätten den ganzen Tag deutsche Schlager, Volks- und Marsch - Musik hören müssen, dreht sich mir heute noch der Magen um. Und gewaltfrei wäre die Historie so sicherlich nicht abgelaufen, denn durch Funk und Fernsehen war auch die Nomenklatura mit dem „American Way Of Life“, mit dem Streben nach Freiheit, Glück und Selbstverwirklichung, ständig konfrontiert gewesen. Nur so konnten sich letztendlich reformkommunistische Kräfte durchsetzen. Die Panzer blieben in den Kasernen und stattdessen stellte man sich dem Dialog mit den Demonstranten. Ergo verwundert es nicht, dass bei den ab Oktober 89 nahezu täglich einberufenen Polit-Veranstaltungen den Flüchtlingen und der Opposition ein gewisses Maß an Verständnis entgegengebracht wurde. Sicherlich auch weil zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass Schicht im Schacht war. Keiner wollte eine „chinesische Lösung“, keiner wollte sich zu guter Letzt noch die Hände schmutzig bzw. blutig machen.

Wenige Wochen später, im November, waren es die Puffer, die als Erste in Zivilkleidung und mit 100 D-Mark Begrüßungsgeld über den Kurfürstendamm schlenderten …

Der Rest …

… sei schnell erzählt

Es würde den Rahmen sprengen, hier alle berichtenswerte Erlebnisse und Anekdoten darzulegen, die mir seit Beginn der Neuzeit anno 1990 widerfuhren. Daher sei kurz und knapp mein Werdegang zum berufsmäßigen Sänger und Gitarrist erzählt.

Oldies & Country – als Duo WILDFIRE hier mit meinem Freund Ralf HeßIm August 1992 stieg ich als (Background-) Sänger und Gitarrist bei der Country & American Folk Band HIGHWAY ein. Mit Axel, Harmut und Thomas (später noch Andreas) spielte ich jede Menge Konzerte, so dass konsequenterweise im März 1994 der Schritt in die Selbstständigkeit folgte. Seither verging kaum eine Woche ohne Auftritt(e). Neben der Band trat ich außerdem, zusammen mit dem Lead - Gitarristen Axel, im Oldie & Country Duo WILDFIRE auf. Wir tourten permanent und deutschlandweit. Der Compagnon wechselte 1999 zu CCRIDER nach Weimar. An seine Stelle trat mein alter Kumpel und Musiker - Kollege Ralf, wenngleich ich fortan hauptsächlich als Sänger und Gitarrist auf Solo-Pfaden, als PETER KICK - ONE MAN BAND unterwegs war und es heute noch bin. Leider Gottes schied Ralf im Jahr 2012, viel zu früh, aus dem Leben.

Seither bin ich weiterhin mit meiner kleinen, feinen Ton-Technik, mit Gitarre und Mundharmonika, als Sänger und Gitarrist „on the road“, immer gespannt und voller Vorfreude auf den nächsten Gig …


Vita (Kurzfassung)

Die Kindheit

Musik - Kultur - Schulchor - Faible für Country Musik

1967 Geboren in Eisenach, einer Stadt voller Musik und Kultur: hier erblickte auch Johann Sebastian Bach, einer der bedeutendsten Musiker der Menschheit, das Licht der Welt. Und über der Stadt thront die wohl „deutscheste“ aller Festen: Martin Luther übersetzte auf der Wartburg das Neue Testament. Bereits Jahrhunderte zuvor hob hier Walther von der Vogelweide beim berühmten „Sängerkrieg“ das Gesangbuch über das Schwert.

Knirpsjahre Liebe zur Musik entwickelt. Mochte keine deutschen Schlager, aber Beat, Rock und Popmusik. Spürte früh die Magie, die von Melodien und Rhythmen ausgehen kann.

1978 Sang im überregional gewürdigten und erfolgreichen Schulchor mit. Die regelmäßigen und anstrengenden Proben waren eine Schule par excellence. Mein späterer Faible für den in der Country Musik typischen Satzgesang wurde hier geformt.

Die Jugend

Western Gitarre - Mundharmonika - Rock Band - Country Folk

1980 Erste Griffe auf der Gitarre und das Spiel auf der Mundharmonika autodidaktisch erlernt.

1983 Unterricht für Western Gitarre genommen.

1985 Spielte Bassgitarre in der Blues & Rock - Band „Monotex“.

1986 Einstufung als Bassgitarrist zum „Amateurtanzmusiker“ mit der Band „Monotex“.

1987 Stieg als Gitarrist bei der Folk & Country Band „Country & Western TRAC“ ein.

1988 Sänger und Gitarrist im Country & Folk Duo „Heart Of Country“.

Ende 1988 Abschied von S… und g… Weibern … Scheiße, ich musste zur Armee! (Aber auch da hatte ich es mehr mit der Gitarre als mit der Knarre.) Daher auch zeitweilige Auflösung von „Heart Of Country“.

1990 Wiedervereinigung von „Heart Of Country“.

1991 Sänger und Bassgitarrist in der Rockband „Why“.

1992 Einstieg in die Country & American Folk Band „Highway“. Von da an bis heute kaum eine Woche ohne Live-Auftritte …

Der Job

Profimusiker - Oldies Country Folk - One Man Band

1994 Schritt in die Selbstständigkeit. Fortan Profimusiker im Bereich Oldies, Country, American Folk Musik.

1994 Zweites Standbein aufgebaut: mit Axel Schneider (Mitglied bei „Highway“ und ebenfalls Profimusiker seit 1994) das Oldie & Country Duo „Wildfire“ gegründet. Permanent deutschlandweit getourt, pro Jahr immer gut 100 Auftritte …

1995 Das Spiel auf der Mandoline erlernt und damit die Musik von „Highway“ und „Wildfire“ bereichert.

1998 Nur noch als Duo „Wildfire“ aufgetreten, aber mehr Veranstaltungen denn je … Außerdem einen lange gehegten Wunsch umgesetzt: erste Auftritte als „Peter Kick - One Man Band“ absolviert. Konnte so locker & easy in kleinen urigen Pubs oder bei gemütlichen Lagerfeuer-Feten spielen, ohne den Geldbeutel der Veranstalter zu sehr strapazieren zu müssen. Und eine One Man Band kann auch richtig rocken ohne dass Onkel Albert das Toupet wegfliegt …

1999 CD „Weinlese“ veröffentlicht.

1999 Mein Compagnon Axel Schneider wechselte zur Weimarer Kult-Band „CCRider“. An seine Stelle trat mein alter Freund Ralf Heß, der mir bereits im 85er Jahr das Spiel auf der Bassgitarre und den Umgang mit „Kisten und Kästen“ (Lautsprechern und Verstärkern) beigebracht hatte. Allerdings traten wir nur ca. 1 bis 2 Mal pro Monat auf. Hauptsächlich war ich fortan als Sänger und Gitarrist auf Solo-Pfaden (als „One Man Band“) unterwegs.

2000 Baute mein Solo-Programm „Peter Kick - One Man Band“ aus. Sowohl das Repertoire (Titelfolge) als auch die technischen Details betreffend, organisierte ich meine Ein-Mann-Kapelle dahingehend, flexibel und unkompliziert kleine als auch größere Veranstaltungen professionell gestalten zu können. Ob „unplugged“ mit Western - Gitarre und Mundharmonika bei der Party oder „proud to be loud“ beim Line Dance auf dem Tanzsaal - alles funktionierte und der Spaß-Faktor kam nicht zu kurz.

2003 CD „Timeless“ veröffentlicht. Zusammen mit Ralf Heß als „Wildfire“ die Aufnahmen bei unserem gemeinsamen Freund und „Monotex“-Kollegen Matthias Müller in dessen Tonstudio realisiert.

2009 CD „When The Rain Came“ veröffentlicht.

2012 Ein gütigeres Geschick hätte den Tod meines Freundes und Weggefährten Ralf Heß verhindern mögen. Seither weiter unermüdlich als Ein-Mann-Band mit Gitarre und Mundharmonika und Kisten und Kästen unterwegs, landauf und landab - auf der Stadtfestbühne und im Pub …


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